Projektseminar „Außerinstitutionelle Lernorte“

Praxisbeispiel

Ein gutes Beispiel für Service Learning und Projektarbeit mit Studierenden ist das Projektseminar „außerinstitutionelle Lernorte“ im Fachbereich Gesellschafts-und Geschichtswissenschaften im Sommersemester 2016. Im Rahmen dieses Seminars erstellten Studierende für ein Museum sowie eine KZ-Gedenkstätte Konzepte für einen Workshop und zwei Führungen, die in Zukunft dort eingesetzt werden können. Somit hatte dieses Seminar auch Service-Learning-Charakter, da die Leistung der Studierenden der Öffentlichkeit zugute kommt. Das Seminar motivierte die Studierenden in hohem Maße und erhielt einen Athenepreis für gute Lehre der TU Darmstadt.

Lernen findet heutzutage an verschiedensten Orten und in verschiedensten Kontexten statt, von denen klassische Bildungsinstitutionen wie Schulen und Universitäten nur einen kleinen Teil darstellen. Neben dem institutionell-formalisierten Lernen, das im schulischen oder universitären Kontext stattfindet, gewinnt das Lernen in anderen Bildungsinstitutionen oder gänzlich jenseits von institutionellen Einrichtungen zunehmende Bedeutung, nicht zuletzt weil in unserer immer schnellebigeren Gesellschaft das lebenslange und selbständige Lernen immer wichtiger wird. Auf Seiten der lernenden Menschen erfordert dies, sich auf vielfältige Lernprozesse einzulassen und sich verschiedenste Orte (im virtuellen Raum ebenso wie in der Kohlenstoffwelt) als eigene Lernorte zu erschließen. Auf Seiten der Lehrenden bedeutet dies, sich mit neuen Begriffen und Konzepten in Bezug auf Lehren und Lernen vertraut zu machen. Auf Seiten der Studierenden, insbesondere in Lehramtsstudiengängen, müssen neben den klassischen Bildungsinstitutionen zunehmend alternative Einrichtungen als mögliche Berufsfelder in Betracht gezogen werden.

Ausgehend von diesen Überlegungen wurde im Sommersemester 2016 am Fachgebiet Sprachwissenschaft – Mehrsprachigkeit am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der TU Darmstadt ein Projektseminar angeboten, das dieses Lernen an außerinstitutionellen Lernorten in Theorie und Praxis in den Blick nahm. Dabei sollten einerseits die Studierenden mit theoretischen Aspekten des Lehrens und Lernens außerhalb institutioneller Rahmenbedingungen vertraut gemacht werden, um sie im Anschluss in enger Zusammenarbeit mit ausgewählten Bildungsinstitutionen eigenständig praktische Projekte für außerinstitutionelle Wissensvermittlung zu erarbeiten. Hierfür konnten die Gedenkstätte KZ Osthofen (http://www.projektosthofen-gedenkstaette.de) und das Museum „Wortreich“ in Bad Hersfeld (http://www.wortreich-badhersfeld.de) gewonnen werden. Kernzielgruppe des Projektes waren Studierende des Master of Arts Germanistische Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt DaF/DaZ (Deutsch als Fremd-/Zweitsprache). Die Ausrichtung des Museums „Wortreich“ passte sehr gut zum Studiengang, der sich mit Sprache beschäftigt und so wurde der inhaltliche Schwerpunkt der Projektarbeit auf der (fremd-)sprachlichen bzw. interkulturellen Wissensvermittlung gelegt.

Das Projektseminar fand im Sommersemester 2016 statt, die Projektarbeiten konnten im Sommer 2017 abgeschlossen werden. Im Vorfeld waren seit Ende 2015 Gespräche zwischen der Seminarleitung und den anvisierten Lernorten geführt und beide Orte (Museum Wortreich und Gedenkstätte Osthofen) besucht worden. Diese Treffen dienten dazu, die Orte zunächst kennenzulernen und gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort mögliche Arbeitsfelder abzusprechen, die sowohl für die Studierenden als auch für die Einrichtungen Nutzen bringen sollten: Eine Grundidee des Projektseminars war, alltagstaugliche Konzepte zu entwickeln, die tatsächlich in den Einrichtungen umgesetzt werden konnten, sodass hier die vorherige Bedarfsklärung von großer Bedeutung war. Es sollte nichts entworfen werden, was so oder so ähnlich schon existierte, sodass die Einrichtungen einen echten Nutzen aus der Arbeit der Studierenden ziehen können.

Das Seminar selbst wurde inhaltlich zweigeteilt in einen theoretisch-einführenden Teil, in dem sich mit Lernprozessen und insbesondere dem Lernen außerhalb von Bildungsinstitutionen und -kontexten beschäftigt wurde. Die Vielschichtigkeit dieser Thematik zeigt sich bereits im Begriff der „Institution“ und in der Frage, in wieweit Lernen in Einrichtungen wie die Kooperationspartner wirklich als „außerinstitutionell“ bezeichnet werden. Etwa in der Mitte des Semesters fanden zwei Exkursionen mit der Gesamtgruppe zu den beiden Lernorten statt, um die Teilnehmenden mit den Orten und deren Verwaltungen vertraut zu machen und mögliche Arbeitsfelder zu sondieren. Anschließend wurden Arbeitsgruppen gebildet, die in selbständigen Arbeitsphasen bis Semesterende ein Konzept erarbeiteten. Hier entstanden drei Arbeitsgruppen von denen zwei zu einem Thema im Museum Wortreich arbeiteten und eine in Osthofen. Zwecks dieser Erarbeitung und der Vertiefung der Zusammenarbeit mit den Lernorten fanden jeweils weitere selbstorganisierte Treffen der jeweiligen Arbeitsgruppen in den jeweiligen Orten statt. Aus dieser Arbeit entstand pro Gruppe ein schriftlich ausgearbeitetes Konzept für jeweils eine Führung bzw. einen Workshop am jeweiligen Lernort, das z.T. bereits konkrete Arbeitsmaterialien enthielt. Es entstanden:

  • Das Konzept für eine Führung (incl. Vor- und Nachbereitung) durch die Gedenkstätte Osthofen speziell für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund
  • Das Konzept für einen Workshop im Museum Wortreich zum Thema „Redewendungen“ für Schülerinnen und Schüler (Klasse 7–10)
  • Das Konzept eines didaktischen Rahmens (Vorbereitung, Durchführung, Nachbereitung) für den Besuch im Museum Wortreich für Schülerinnen und Schüler – speziell auch für solche mit nichtdeutscher Muttersprache

Diese Projektberichte galten als schriftliche Leistungsnachweise für den erfolgreichen Besuch des Projektseminars und wurden zum Ende des Sommersemesters 2016 bei der Seminarleitung eingereicht. Zwecks der anvisierten praktischen Umsetzung fand Anfang des Jahres 2017 ein Treffen der Gesamtgruppe statt, bei der die jeweiligen Arbeitsgruppen von der Seminarleitung Feedback auf ihre Konzepte erhielten und dies mit den anderen Teilnehmenden diskutierten. Anhand dieses Feedbacks wurden die Konzepte im Folgenden zur Übergabe an die Lernorte überarbeitet; eine Persönliche Vorstellung der Konzepte durch die Teilnehmenden im Museum Wortreich fand im August 2017 statt.

Zur Planung ist anzumerken, dass sich das Projektseminar insgesamt über einen sehr langen Zeitraum erstreckt hat (deutlich länger als das eine, ursprünglich anvisierte Semester) und der erfolgreiche Abschluss zu einem großen Teil der Motivation und Einsatzbereitschaft der Teilnehmenden auch über das Semester hinaus zu verdanken ist.

Wenn dieses Projektseminar ein weiteres Mal durchgeführt wird, sollte daher der Zeitplanung bereits im Vorfeld der Veranstaltung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Da viele Personen beteiligt sind und koordiniert werden müssen, ist nicht immer eine realistische konkrete Terminplanung im Vorfeld möglich. Hier könnte es zweckmäßig sein, die Veranstaltung im Vorfeld auf zwei Semester auszulegen und dies den Studierenden entsprechend zu kommunizieren.

Die Seminarleitung erlebte viele positive Reaktionen seitens der Teilnehmenden und war positiv überrascht von der hohen Motivation und Arbeitsbereitschaft der Studierenden. Diese wird von den Teilnehmenden selbst insbesondere dadurch erklärt, dass sie in der Projektarbeit eigene Kreativität entfalten und sich in einem als sinnvoll wahrgenommenen Rahmen produktiv einsetzen konnten. Dass eine solche eigenständige Erarbeitung nicht immer einfach ist, wurde in einem der Projektberichte wie folgt reflektiert; die Projektarbeit „war eine Herausforderung für uns, da wir vorher noch kein Projekt dieser Art gemacht hatten“ Und dennoch schließt der Bericht mit dem Fazit: „Abschließend können wir sagen, dass die Zusammenarbeit mit einer außeruniversitären Institution eine bereichernde Erfahrung war, die den Teilnehmern/Teilnehmerinnen nachfolgender Seminare auch ermöglicht werden sollte.“