Lesen und lesen lassen
Wer kennt es nicht? Man betritt sein Seminar, um mit den Studierenden über Thema X zu diskutieren – und dann haben von 30 Teilnehmenden vielleicht zwei den Text zumindest mal angesehen. „Aber können wir nicht einfach so diskutieren?“ Das fragen mich zumindest häufig die Studierenden. Wozu also lesen? Wieso braucht die politikwissenschaftliche Diskussion eine vorbereitende Lektüre und funktioniert nicht „einfach so“?
Im Folgenden möchte ich zunächst grundlegend ausführen, warum Lesen in der Politikwissenschaft nichts an Bedeutung verloren hat und kurz auf zwei Hauptgründe von Nicht-Lesen eingehen:
- fehlende Lesekompetenz und
- fehlende Lesemotivation.
Im Anschluss werde ich dann eine Übung vorstellen, mit denen ich in meinen Seminaren Studierende erfolgreich zum Lesen befähigen und motivieren konnte.
Lesen – aus der Zeit gefallen?
Gerade im Zeitalter der KI scheint Lesen ja schon fast aus der Zeit gefallen. Lesen mag mühsam erscheinen, doch gerade in den Sozialwissenschaften ist Lesen unerlässlich. Seminare sind im Wesentlichen dazu da, Studierende zum Lesen wissenschaftlicher Arbeit zu befähigen, denn auch in Zeiten von KI werden wissenschaftliche Erkenntnisse in Fachzeitschriften kommuniziert und debattiert. Studierende müssen also in der Lage sein, diese Artikel zu durchdringen, Argumente zu erkennen und auch kritisch zu hinterfragen. Um selbst wissenschaftliche Texte produzieren können, müssen Studierende durch die Lektüre ebensolcher Texte lernen, wie Fachtexte aufgebaut sind, wie politikwissenschaftliche Forschungsfragen formuliert werden, welche Konzepte und Fachsprache verwendet werden -- oder auch wie zitiert wird. Spätestens in der Bachelor- oder Masterarbeit müssen Studierende selbstständig Fachartikel finden, lesen und verwenden können. Seminare vermitteln all diese Skills, in der Regel, indem man pro Sitzung einen ausgewählten Text, den die Studierenden im Voraus gelesen haben sollten, gemeinsam bespricht.
Allerdings kommen viele Studierende unvorbereitet, haben den Text also nicht gelesen, wie eingangs beschrieben. Woher kommt diese fehlende Vorbereitung? Erfahrungsgemäß lesen Studierende aus zwei Gründen nicht: entweder, weil sie mit wissenschaftlichen Texten (insbesondere, wenn diese auf Englisch sind) nicht klarkommen, es also an Lesekompetenz fehlt. Oder weil sie keine Zeit finden bzw. sich die Zeit nicht nehmen, da es aus ihrer Sicht nicht nötig ist, den Text zu lesen, um das Seminar zu überstehen. Schließlich kann man doch auch „einfach so“ diskutieren! Hier fehlt es also an Lesemotivation.
Lesen anregen – Umsetzung im Seminar
In beiden Fällen – mangelnder Lesekompetenz und mangelnder Lesemotivation – hilft vielleicht der folgende Ansatz. Ich habe ihn insbesondere gewählt, um Studierende zum Lesen zu motivieren. Meiner Erfahrung nach, und auch dem Feedback meiner Studierenden zufolge, hilft er jedoch auch, die Lesekompetenz zu steigern.
Die Idee ist simpel. Die Studierenden wählen selbst, was sie lesen und diskutieren die jeweilige Lektüre am Anfang jeder Sitzung mit der Person neben der sie sitzen. Konkret habe ich aufgehört, zu jeder Sitzung eine Pflichtlektüre und eventuelle weiterführende Texte anzugeben. Stattdessen stelle ich etwa vier verschiedene Texte pro Sitzung zur Auswahl. Die Studierenden können frei auswählen, welchen der angegebenen Texte sie lesen, sie müssen jedoch einen Text gelesen haben. Wir starten dann jede Sitzung mit einer Diskussion der gelesenen Texte in Kleingruppen von zwei bis vier Personen. Dabei stellt jede Person den anderen in der Gruppe den eigenen Text vor: Was ist die Forschungsfrage, was sind die Haupterkenntnisse? Nach etwa 10 bis 15 Minuten sammeln wir im Plenum: Gibt es noch Fragen? Was fanden sie an den Texten spannend und überraschend? Wo gab es vielleicht Unstimmigkeiten oder aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Texten? Nach einer kurzen Sammelrunde wechsle ich in der Regel zu einer anderen Übung, die den Hauptteil des Seminars beansprucht, etwa eine Pro-Kontra-Diskussion oder einer weiterführenden Gruppenarbeit.
Warum es funktioniert
Diese Herangehensweise bietet mehrere Vorteile. Zunächst haben wir als Gruppe eine breitere Wissensgrundlage für die anschließende Übung und Diskussion, zum Beispiel Einblicke aus verschiedenen geographischen Regionen. Die selbstständige Auswahl eines Textes gibt Studierenden zudem Kontrolle und Mitgestaltung (vgl. Weimer 2013). Es motiviert Studierende ungemein, wenn sie selbst entscheiden dürfen, was sie lesen. Sie wählen den Text, der den ansprechendsten Titel hat, zum Beispiel mit dem geographischen Fokus, der sie am meisten interessiert. Die Diskussion in Kleingruppen zu Anfang jeder Sitzung motiviert ebenso und führt zu einer gewissen „peer accountability“. Es ist schließlich schlichtweg peinlich, hier als Einziger nichts beitragen zu können. Dadurch, dass die Studierenden zudem jede Woche „ihren“ Text für die Sitznachbar:innen zusammenfassen müssen, lernen sie im Laufe des Semesters, wie man wissenschaftliche Texte durchdringt. Übrigens spielt es keine Rolle, wenn die Sitznachbar:innen denselben Text gelesen haben, denn es ist aufschlussreich zu sehen, welche Inhalte er/sie als wichtig wahrgenommen hat. Zuletzt noch ein netter Nebeneffekt: schon am Anfang der Sitzung hat jede:r Teilnehmende einmal den Mund aufgemacht. Die Teilnehmenden sind aktiviert und eher bereit, sich in Diskussionen und Übungen einzubringen.
Positive Rückmeldungen der Studierenden
Ich verwende diese Herangehensweise – also die Auswahl an Texten und Diskussion in Kleingruppen – in all meinen Seminaren, sowohl auf Bachelor- wie auch auf Master-Ebene. Das studentische Feedback, das ich über die letzten Jahre in schriftlichen Evaluationen bekommen habe, bestätigt die eben genannten Effekte:
„In my view, the most original point about participation in this class was related to readings. I am not used to do them, but here, we had to explain and discuss them with people who didn’t read them. This specific organization motivated me to read an article each week, because I knew that people in the group would rely on me to explain my text and bring a new perspective to the discussion. In other contexts, where discussions happen with people who all read the same text, the others usually understood and interpreted the text better than I did, so I am useless in the conversation and end up stopping to do the readings throughout the semester.“
„As someone who learns by explaining verbally, this peer-to-peer learning was really helpful for me. These interactive group tasks and the expectation to ‘explain your research’, held me accountable in not only completing the reading, but also in understanding our findings.“
„This especially came out with the weekly readings. In other classes, these typically feel more like chores. I don’t dedicate much attention to reading them, and I usually forget about them quickly. Here, having to discuss them with others, which meant having to brief them on the one I read, and listening to the others when they explain theirs, allowed me to gain a much better understanding of these readings. We really had to look for the core points of the articles and understand them properly to break it down for the others, and we could get help from the others when there was something more difficult to get.“
Allgemeine Ideen, die Lesekompetenz zu verbessern
Auch wenn das Feedback zeigt, dass Studierende ganz automatisch durch das regelmäßige Lesen ihre Lesekompetenz verbessern, möchte ich zum Schluss nochmals kurz ansprechen, wie man als Dozierende:r konkret zum Lesen befähigt. Ich empfehle, zu Anfang des Semesters das Lesen im Seminar zu thematisieren. Wir sollten das Lesen als solches mit unseren Studierenden explizit gemeinsam diskutieren, um deutlich zu machen, dass das Lesen wissenschaftlicher Texte besondere Kompetenzen erfordert. Ich weise auch spezifisch darauf hin, dass Lesen zeitintensiv ist, insbesondere bei englischsprachigen Fachaufsätzen. Die Studierenden sollten unbedingt ausreichend Zeit einplanen. Gerade bei Blockseminaren, bei denen unter Umständen sehr viel Lektüre auf einmal ansteht, ist Planung essenziell. Ich ermutige Studierende auch zur Arbeitsteilung: Es kann durchaus eine lohnenswerte Strategie sein, sich in Lesetandems zusammen zu tun und nur jede zweite Sitzung selbst vorzubereiten und bei der anderen Hälfte sich auf den Tandempartner/die Tandempartnerin zu verlassen. Diese Idee verfolgt im Prinzip dasselbe Ziel wie die hier vorgestellte Lektüreauswahl: Durch das gegenseitige Vorstellen von Lektüre ist man eher geneigt zu lesen – aber so, dass man dem anderen dann auch den Text präsentieren kann. Für Bachelor-Studierenden können auch Leitfragen hilfreich sein, selbst wenn diese sehr grundlegend sind. Also: was ist die Forschungsfrage? Welche Daten und Methoden verwendet der Text? Zu welchen Hauptergebnissen kommt der Text?
Ein letztes Wort zu KI: Natürlich lässt sich mittlerweile nicht ausschließen, dass Studierende die Lektüre nicht selbst lesen, sondern schlicht auf KI-generierte Zusammenfassungen zurückgreifen. Ich habe den Eindruck, dass durch die „peer accountability“ diese Möglichkeit weniger genutzt wird. Zumindest sehe ich während der Diskussion in Kleingruppen in der Regel, dass die Studierenden die Texte als PDF-Dokumente auf ihrem Rechner vor sich haben, zumeist mit markierten Abschnitten. Eine weitere Option wäre, diese Möglichkeit samt Vor- und Nachteilen mit Studierenden zu erörtern und konkret auszuprobieren: schafft die KI, den Text korrekt zusammen zu fassen? Werden alle wichtigen Aspekte berücksichtigt? Wie stark unterscheiden sich die Zusammenfassungen je nach Anbieter und Prompt?
Lesen wird wichtig bleiben, aber sicher auch weiter Lehrende vor Herausforderungen stellen. Mir persönlich und den Studierenden hat die vorgestellte Herangehensweise auf jeden Fall geholfen.
Autorin
Dr. Carola Klöck (Sciences Po Paris)