Einführung, Begrifflichkeiten und konzeptionelle Grundlagen

Wie gelingt es mir im Rahmen einer Flipped Classroom Veranstaltung auf die Vielfallt der Fragestellungen der Studierenden vorbereitet zu sein?

„Flipped Classroom“ wird von Lehrenden eingesetzt, um die Vermittlung von neuen Lerninhalten individueller, anschaulicher, aktiver, kollaborativer, interaktiver und ökonomischer zu gestalten. Dies wird mit einem didaktischen Konzept erreicht, in dem sich die Studierenden eigenständig Lerninhalte aneignen und diese dann in der Präsenzveranstaltung vertiefen und anwenden. Für Lehrende ist die Präsenzveranstaltung im Rahmen einer „Flipped Classroom“ Lehrveranstaltung vergleichbar mit einer Pralinenschachtel. Die Studierenden eignen sich Lerninhalte in Selbstlernphasen eigenständig an. Deshalb wissen die Lehrenden in der Regel nicht, welche Inhalte den Studierenden Schwierigkeiten bereitet haben und welche Fragen in der Präsenzzeit auf sie zukommen. Für die Lehrkraft ist dies eine ungewohnte Situation und jede Präsenzveranstaltung somit eine neue Herausforderung. An dieser Stelle setzt „Just-in-Time Teaching“ (JiTT) an. Es ermöglicht mit Hilfe einer definierten Interaktion kurz vor der Präsenzphase zwischen Studierenden und Lehrenden zu ermitteln, welche Inhalte die Studierenden gut verstanden haben und bei welchen Inhalten noch Schwierigkeiten im Verständnis vorliegen.

Die „Flipped Classroom“ Unterrichtsmethode (oder auch „Inverted Classroom“) kehrt die Lernaktivitäten in den klassischen Präsenzveranstaltungen um. Die Studierenden eignen sich in Selbstlernphasen anhand von Lernmaterialien (meist digital über eine Lernplattform z.B. Moodle), ortsunabhängig und im eigenen Lerntempo Lerninhalte an. In den Präsenzveranstaltungen an der Hochschule erfolgt in der Lehrveranstaltung die Vertiefung der Lerninhalte in interaktiver Form (z.B. durch Diskussionen, Gruppenarbeiten, Anwendung der Lerninhalte).

JiTT ist eine Unterrichtsmethode, die am „Flipped Classroom Konzept“ ansetzt und es erweitert. Um den Lehrenden einen Überblick zum Wissensstand der Studierenden vor der nächsten Präsenzveranstaltung zurück zu melden, erhalten die Studierenden zwei bis drei Tage vor der nächsten Präsenzveranstaltung zusätzlich Fragen, die über das Internet (z.B. Moodle) beantwortet werden. Die Lehrenden haben nun vor dem Beginn der Präsenzveranstaltung die Möglichkeit die Antworten einzusehen. Diese zusätzliche Feedbackschleife erlaubt es ihnen abzuschätzen an welchen Stellen die Studierenden mit den Lerninhalten noch Schwierigkeiten haben und ermöglicht damit der Lehrkraft eine entsprechende Vorbereitung (vgl. DiZ). Als Werkzeug für die Erstellung von Fragen, eignen sich die Fragentypen, die auf der Lernplattform Moodle an der TU Darmstadt implementiert sind.

Die „Flipped Classroom“ und JiTT Unterrichtsmethode knüpfen an den folgenden Schwachstellen des klassischen Frontalunterrichts an:

  • In klassischen Vorlesungen rezipieren die Lernenden einen Vortrag der Lehrkraft und versuchen dessen Kernaussagen zeitgleich schriftlich festzuhalten. Sie haben selten die Möglichkeit und die Zeit das Vorgetragene zu reflektieren und laufen Gefahr wichtige Aspekte des Vortrags zu verpassen. Auch der Aufnahmeleistung des Gehirns sind Grenzen gesetzt. Ein Gehirn kann auch bei einem hohen Intelligenzquotienten in einer bestimmten Zeit nur eine begrenzte Menge neues Wissen aufnehmen. Bei einem Erwachsenen beträgt diese Zeit 20-30 Minuten, was deutlich kürzer als eine Vorlesungsdauer ist (vgl. Stoffreduktion).
  • Zum Lernen sind die Anwendung und das Üben mit dem neuen Wissen wichtig. In klassischen Veranstaltungen erfolgt dies individuell in Selbstlernphasen. Dies birgt den Nachteil, dass Verständnisprobleme oftmals nicht alleine gelöst werden können. (vgl. Inverted Classroom).
  • In klassischen Präsenzveranstaltungen ist die Lehrperson Vortragende/r und die Studierenden rezipieren. Daraus folgt ein starkes Hierarchiegefälle. In Flipped Classroom und JiTT-Veranstaltungsformaten sind die Studierenden Experten und Lehrende sind Lernbegleiter. Die flacheren Hierarchien wirken in der Präsenzveranstaltung diskussionsfördernd.
  • Auf Grund der Rollenverteilung in klassischen Vorlesungen, in denen die Lehrkraft als reiner Inhaltsvermittler fungiert, bekommen die Lehrenden in der Regel wenig bis kein informelles Feedback zur Veranstaltung.
  • In herkömmlichen Präsenzveranstaltungen vermitteln die Lehrenden jedes Semester die Grundlagen in einer Lehrveranstaltung. Dies ist für Lehrende in der Regel relativ langweilig. Entsprechend des JiTT und Flipped-Classroom Konzepts eignen sich die Studierenden diese Grundlagen selbst an. Die Lehrenden werden dann in der Präsenzveranstaltung für die Vertiefung und Anwendung der Inhalte gefordert.
  • Jedes Semester die gleiche Grundlagenvorlesung zu halten ist unökonomisch. Im Rahmen von Flipped-Classroom und JiTT halten Lehrende einmal ihre Grundlagenvorlesung. Diese nehmen sie auf, bereiten sie auf (z.B. in kleine Lehreinheiten) und stellen sie den Studierenden zum Lernen zur Verfügung.
  • Die Lehrenden wissen in herkömmlichen Veranstaltungen häufig nicht, welche Lerninhalte den Studierenden Schwierigkeiten bereiten. An dieser Stelle bietet das JiTT eine gute Feedbackmöglichkeit für die Lehrperson.

Bei der Konzeption der Lehrveranstaltung ist es zielführend sich die folgenden Fragen zu stellen:

  • Für welche Inhalte benötigen die Studierenden die Unterstützung durch den Lehrenden?
  • Für welche Inhalte brauchen die Studierenden Austausch mit einer Lerngruppe?
  • Welche Inhalte eignen sich für die Auslagerung aus der Präsenz und damit zur individuellen Aneignung in Selbstlernphasen?
  • Wie können diese Inhalte didaktisch sinnvoll (evtl. technologiegestützt) aufbereitet werden (vgl. Sams, S. 19)?
  • Welche Lerninhalte sind für die Klausur relevant bzw. welche Kompetenzen sollen die Studierenden im Rahmen der Lehrveranstaltung erwerben und welche Fragen ergeben sich daraus für die Feedbackschleifen am Ende der Selbstlernphasen?

Selbstlernphasen stellen an die Lernenden hohe Anforderungen. Oft stellt die freie Zeiteinteilung für Studierende eine Herausforderung dar. In der Folge wird das Lernmaterial, wenn überhaupt, häufig direkt nach der Präsenzveranstaltung oder erst kurz vor der nächsten Präsenzveranstaltung durchgearbeitet (Wiemeyer & Stroß, 2006), so dass der Workload nicht gleichmäßig verteilt ist. Hinzu kommt, dass die für den Verständnisprozess vertiefte Auseinandersetzung mit den Inhalten oft nicht stattfindet. Tauchen beim Durcharbeiten Verständnisprobleme auf, fühlen sich Studierende in Selbstlernphasen oft allein gelassen. Deshalb liegt es an den Lehrenden die Lernenden in den Selbstlernphasen zu unterstützen. Hilfreich für die Studierenden ist deshalb:

  • Eine gute Inhaltliche Strukturierung mit Angaben, bis wann welche Inhalte bearbeitet sein sollen.
  • Damit Studierende in den Selbstlernphasen nicht alleine sind, sollte eine Lernplattform eingesetzt werden, über die z.B. Kommunikation mit dem Lehrpersonal oder über Foren mit den Kommilitonen möglich ist.
  • Für die Inhaltliche Vertiefung der Lerninhalte und die Selbstkontrolle der Studierenden sind neben Ergänzungsmaterialien auch Fragen, Aufgaben, Quiz und Lückentexte empfehlenswert.
  • Der internetbasierte Einsatz von Fragen (Quiz, Lückentexte, Aufgaben) in den Selbstlernphasen, hilft den Studierenden die Lernzeit außerhalb der Präsenzveranstaltung zu strukturieren und damit effektiv zu nutzen.
  • Auf Grund der Antworten auf die Fragen, wissen die Lehrenden bereits mit welchen Inhalten die Studierenden noch Schwierigkeiten haben und können ihre Lehre auf die Studierenden abstimmen.

Die Präsenzphasen müssen ebenfalls anders gestaltet werden als in klassischen Präsenzveranstaltungen. Dem Lehrenden kommt hier eine andere Rolle zu als bisher. Die Lehrkraft ist nun nicht mehr der reine „Wissensvermittler“, vielmehr begleitet und moderiert sie nun die Präsenzveranstaltung, während die Studierenden eher in eine Expertenrolle schlüpfen. Deshalb ist es wichtig,

  • dass in der Präsenz das Flipped-Classroom Konzept konsequent umgesetzt wird. Inhalten, die in der Selbstlernphase von den Studierenden erarbeitet werden sollten, dürfen in der Präsenzveranstaltung nicht wiederholt werden (vgl. Spannnagel).
  • Außerdem ist es wichtig die Studierenden aktiv in die Präsenz einzubinden. Hierzu gibt es einige Hinweise bei Spannnagel (vgl. Aktives Plenum)
  • Die Lehrkraft sollte die Ergebnisse der Fragen aus der Selbstlernphase in die Präsenz einfließen lassen, um ggf. Input zu noch vorhandenen Wissenslücken vorbereiten zu können. In diesem Punkt empfinden Studierende in einer Erhebung von Tao, Liu, Mottok, Hackenberg und Hagel (2015) das JiTT im Hinblick auf den Austausch sehr förderlich wirkt. Außerdem wird die Kontaktzeit zwischen Lehrkraft und Studierenden von den Studierenden und der Lehrkraft selbst als effektiv eingeschätzt.

Das Veranstaltungsformat eignet sich auch für größere Gruppen. Für die Präsenzveranstaltung gibt es keine besonderen Anforderungen an die Räumlichkeiten. Zur Beantwortung der Fragen in der Selbstlernphase durch die Studierenden werden 2-3 Tage empfohlen (vgl. DiZ).

Vorteile der Kombination von „Flipped Classroom“ und JiTT sind:

  • Die Aneignung der Lerninhalte erfolgt individualisiert und eigenverantwortlich. Studierende haben die Möglichkeit die Lerninhalte (z.B. Videos) im eigenen Tempo und wiederholt durchzuarbeiten. Dabei können entsprechende Wissenslücken mit Zusatzmaterial geschlossen werden. Dieser Prozess erfolgt komplett orts- und zeitunabhängig (vgl. Pengfei & Mingxuan, 2015).
  • Lehrende erfahren frühzeitig von den Schwierigkeiten ihrer Studierenden mit den Lerninhalten und können auf diese reagieren (vgl. Jonsson, 2015).
  • Die Präsenzveranstaltungen können komplett Lernerzentriert durchgeführt werden (vgl. Bötcher, A., Kämper & Thurner, 2015).
  • Die Unterrichtsmethode ist langfristig ökonomisch, da das Material für die Inhaltsvermittlung in den Selbstlernphasen wiederverwendet werden kann. Auch die Nutzung für thematisch nahe Veranstaltungen ist möglich.
  • Durch die transparente Darstellung von Lerninhalten (z.B. Videos) können Fehler im Lernmaterial schnell erkannt und korrigiert werden.
  • Die für die Feedbackschleifen zu erstellenden Fragen stellen zunächst einen großen Aufwand dar, sie können jedoch für eine abschließende Klausur und den Aufbau eines systematischen Fragenpools verwendet werden.

Nachteile sind:

  • Der hohe Aufwand für die Erstellung von Material (E-Learning)
  • Zeitaufwand zur Auswertung der Fragen kurz vor der Präsenzveranstaltung.
  • In den Selbstlernphasen können die Studierenden die Lehrkraft nicht direkt fragen.

Folgende Stolpersteine sollten beachtet werden:

  • Die Studierenden haben nicht die gleiche technische Ausstattung (z.B. Internetzugang, Hard- und Software).
  • Es gibt immer Studierende, die sich nicht auf die Präsenzveranstaltungen vorbereiten. Der Fokus der Lehrkraft soll bei den Studierenden liegen, die sich entsprechend des Konzeptes auf die Präsenzveranstaltung vorbereitet haben.

DiZ-Zentrum für Hochschuldidaktik

Jonsson, H. (2015). Using Flipped Classroom, Peer Discussion, and Just-in-time Teaching to Increase Learning in a Programming Course. 2015 IEEE Frontiers in Education Conference (FIE), vol. 00, no. , pp. 1-9

Pengfei, G. & Mingxuan, Ch. (2015). Flipped classroom: Teaching experience from practice. 2015 International Conference of Educational Innovation through Technology, pp. 155-159

Sams, A. (2012). Der „Flipped“ Classroom. In: J. Handke & A. Sperl (Hrsg.), Das Inverted Classroom Model. Begleitband zur ersten deutschen ICM-Konferenz. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 13–22

Tao, Y., Liu, G., Mottok, J., Hackenberg, R. & Hagel, G. (2015). Just-in-Time-Teaching Experience in a Software Design Pattern Course. 2015 IEEE Global Engineering Education Conference (EDUCON), pp 915-919

Wiemeyer, J. & Stroß, M. (2006). Evaluation von eLearningangeboten – Grundlagen und Anwendungsbeispiel. In V. Scheid (Hrsg.). Sport und Bewegung vermitteln (S. 150-153). Czwalina: Hamburg