Wahrnehmungsfehler – Verhindern

Welche Möglichkeiten gibt es, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler zu verhindern?

Alles in allem verdeutlichen diese Ausführungen, dass der Wahrnehmungs- und der Beurteilungsprozess an verschiedenen Stellen fehleranfällig sind. Da es uns niemals gelingen wird, Studierende genauso zu sehen und zu beurteilen wie unsere KollegInnen es tun, ist es unrealistisch, eine vollkommen objektive Beurteilung anzustreben. Um der Subjektivität des Wahrnehmungsurteils gerecht zu werden und …

Alles in allem verdeutlichen diese Ausführungen, dass der Wahrnehmungs- und der Beurteilungsprozess an verschiedenen Stellen fehleranfällig sind. Da es uns niemals gelingen wird, Studierende genauso zu sehen und zu beurteilen wie unsere KollegInnen es tun, ist es unrealistisch, eine vollkommen objektive Beurteilung anzustreben. Um der Subjektivität des Wahrnehmungsurteils gerecht zu werden und dennoch Objektivität als Ziel der Leistungsbewertung vor Augen zu haben, führt Kleber das Prinzip der kontrollierten Subjektivität (Kleber, 1992, S. 138ff) ein. Kontrollierte Subjektivität bedeutet, dass bereits die Kenntnis über Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler sowie deren Entstehungsfaktoren eine Bewusstmachung der Problematik bewirken und damit zur Fehlervermeidung beitragen kann (Bohl, 2009; Kleber, 1992; Sacher, 2014). Damit verbunden sind das stetige Hinterfragen des eigenen Wahrnehmungsurteils und die Bemühung, verzerrende Tendenzen im eigenen Beurteilungs- und Bewertungsverhalten zu entdecken.

Auch ist es hilfreich, sich vor dem Hintergrund der aufgeführten Fehler zu verdeutlichen, wo die persönlichen Ungenauigkeiten liegen (Sacher, 2014). Hierzu kann man die eigene Bewertungspraxis über längere Zeiträume und größere Gruppen, aber auch über einzelne Tage hinweg analysieren, um auf Tendenzen aufmerksam zu werden. Auch eine gemeinsame Reflexion mit FachkollegInnen stellt eine Option dar (Bohl, 2009; Sacher, 2014). Letztere schließt jedoch nicht aus, dass ihnen dieselben Fehler unterlaufen können. Eine ähnliche Sozialisation und ein ähnlicher Erfahrungshintergrund erhöhen die Wahrscheinlichkeit hierfür (Kleber, 1992). Zudem sollte man bedenken, dass das eigene Fach einen bestimmten Umgang mit Leistung kultiviert (Sacher, 2014). An einer juristischen Fakultät herrschen sicherlich andere Leistungsansprüche als an einer erziehungswissenschaftlichen, was alleine an den Durchfallquoten abzulesen ist.

Zusätzlich können Sie im Rahmen Ihrer Bewertungspraxis bestimmte Maßnahmen einfügen, die es Ihnen erleichtern, Ihre Wahrnehmung zu strukturieren. In mündlichen Prüfungen hilft es beispielsweise, sich den Ablauf des diagnostischen Prozesses (vgl. Personenwahrnehmung und ihre Rolle im diagnostischen Prozess) sowie die Merkmale wissenschaftlicher Beobachtung vor Augen zu führen. Wissenschaftliche Beobachtung bedeutet, dass die Informationsaufnahme (Wahrnehmung) und Interpretation (Beurteilung und Bewertung) bewusst voneinander getrennt werden (Kleber, 1992). Zur besseren Strukturierung und Dokumentation des Wahrnehmungseindrucks können Beobachtungsmethoden (z. B. in Ingenkamp & Lissmann, 2008, Kap. 2.5) eingesetzt werden. Alle Wahrnehmungseindrücke werden zunächst neutral dokumentiert und erst in einem nachfolgenden Schritt zu einer begründeten Bewertung zusammengefasst (Kleber, 1992). Erfolgen mehrere Bewertungen, so müssen diese unabhängig voneinander vorgenommen werden. Im Rahmen der Korrektur schriftlicher Arbeiten ist es sinnvoll, deren Reihenfolge gezielt zu variieren (Sacher, 2014). Auch vor der Korrektur ausgearbeitete Bewertungsraster helfen, verzerrenden Tendenzen vorzubeugen.

Zu guter Letzt ist es besonders wichtig, abschließende Beurteilungen über einzelne Studierende oder Studierendengruppen zu vermeiden. Selbstverständlich erfordern die meisten Prüfungen an Hochschulen eine solche abschließende Beurteilung eines Semesters oder eines Moduls. Damit ist jedoch gemeint, dass man einen einmal gewonnenen Wahrnehmungseindruck nicht als gesetzt betrachtet sondern diesen in jeder nachfolgenden Situation (im nächsten Semester oder im neuen Modul) wieder hinterfragt.

Bohl, T. (2009). Prüfen und bewerten im offenen Unterricht (4., neu ausgestattete Aufl.). Weinheim: Beltz.

Gruber, T. (2011). Gedächtnis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hagendorf, H., Krummenacher, J., Müller, H.-J. & Schubert, T. (2011). Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Allgemeine Psychologie für Bachelor. Berlin: Springer.

Ingenkamp, K. & Lissmann, U. (2008). Lehrbuch der pädagogischen Diagnostik (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Jürgens, E. & Sacher, W. (2008). Leistungserziehung und pädagogische Diagnostik in der Schule. Stuttgart: Kohlhammer.

Kleber, E. W. (1992). Diagnostik in pädagogischen Handlungsfeldern. Einführung in Bewertung, Beurteilung, Diagnose und Evaluation. Weinheim: Juventa.

Langfeldt, H.-P. & Tent, L. (1999). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. Band 2. Anwendungsbereiche und Praxisfelder. Göttingen: Hogrefe.

Macke, G., Hanke, U. & Viehmann, P. (2012). Hochschuldidaktik. Lehren, vortragen, prüfen, beraten (Beltz Pädagogik, 2., erw. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Rosenthal, R. & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the classroom. The Urban Review, 3 (1), 16-20.

Sacher, W. (2014). Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. Bewährte und neue Wege für die Primar- und Sekundarstufe (6., überarb. und erw. Aufl). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.