Sprechstundengestaltung – Beratungsaufbau

Um Sprechstunden und Beratungen effektiv zu gestalten, können Lehrende sich am folgenden Vier-Phasen-Modell orientieren. Je nach Anliegen können diese Phasen unterschiedlich lang sein und verschieden bearbeitet werden.

Abb. Beratungsaufbau
Abb. Arbeitsfrage, Workshopmaterial Eva-Maria Schumacher

Viele Lehrende bitten die Studierenden als Vorbereitung zur Sprechstunde um eine kurze Mail mit dem Anliegen. Leitfragen könnten hier z. B. sein: „Mit welchem Anliegen/Fragen kommen Sie in die Sprechstunde? Was haben Sie schon unternommen, um diese Fragen zu klären?“ Das hilft, um bei der Anliegensformulierung in der Sprechstunde schneller auf den Punkt zu kommen. Manchmal erledigen sich Anliegen sogar durch das schriftliche Formulieren von selbst.

Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob Studierende mit einem individuellen Anliegen selbst auf den Lehrenden zugehen oder ob sie, etwa im Rahmen einer Lehrveranstaltung zur Besprechung eines Referats oder zum Feedback einer Hausarbeit „einbestellt“ werden. Beratung basiert ursprünglich, wie oben dargestellt, auf Freiwilligkeit. Und so können sich Feedback-Prozesse verändern, wenn sie eigentlich gar nicht erwünscht sind oder beispielsweise das Feedback nach der Vergabe der Note oder Punkte erfolgt.

Die folgende Postkarte hängt inzwischen „augenzwinkernd“ an diversen Bürotüren und fordert Studierende auf, sich vorab darüber klar zu werden, um was es Ihnen geht.

Der Einstieg dient dem „Aufwärmen/Willkommen heißen“, was sich in der Begrüßung, Freundlichkeit des Lehrenden und dem räumlichen Setting darstellen kann. Ein Büro mit hohen Bücher- und Papierbergen erinnert mehr daran, dass Studierende im Terrain der Lehrenden zu Besuch sind. Eine eigene freigeräumte Beratungsecke, die vielleicht mit Schreibutensilien und Getränken bestückt ist, vermittelt eine professionelle und wertschätzende Atmosphäre – eine nicht zu unterschätzende Komponente erfolgreicher Gespräche.

Wie auch in der Didaktik der Raum als „dritter Pädagoge“ bezeichnet wird, kann das sogenannte „Setting“ den Beratungsprozess beeinflussen.

„Anfängen von Gesprächen kommt eine prägende Bedeutung für den weiteren Gesprächsverlauf zu. Gerät ein Kontakt gleich zu Beginn in eine Schieflage, so sind erhebliche Anstrengungen der Beteiligten notwendig, um diese Ausgangslage anschließend zu modifizieren. Gerade in hierarchisch strukturierten Gesprächen wie denen zwischen Lehrenden und Studierenden ist es von entscheidender Bedeutung, welche Umgangsformen die Beteiligten zu Beginn etablieren.“ (Meer 2003, S.4-5)

Beim Einstieg gilt es darüber hinaus die Rahmenbedingungen zu klären, was also der Anlass des Treffens ist und wie viel Zeit zur Verfügung steht. Bei einer längerfristigen Betreuung gäbe es hier auch einen kurzen Bericht, was sich in der Zwischenzeit getan hat – oder die Besprechung der Zwischenergebnisse, die gemailt worden sind.

Meer (2003) empfiehlt für die Kontaktphase

  • einen entspannten Gesprächseinstieg zu ermöglichen und deutlich zu machen, dass man für die Zeit dieser Sprechstunde ganz zur Verfügung steht
  • den Verzicht auf die Abwertung wartender Studierender, wie etwa „Mein Gott, dass nimmt heute ja gar kein Ende.“
  • dem Gespräch einen sicheren Rahmen geben. Immerhin finden die meisten Sprechstunden im „Hoheitsgebiet“ der Lehrenden statt. Ein eigener Platz/Tisch für Gespräche schafft eine andere Atmosphäre als ein Gespräch zwischen Arbeitspapieren am Schreibtisch.
  • die Sprechzeiten von anderen Aufgaben freizuhalten.
  • bestehende Anonymität auflösen, indem der Name beim Vorabkontakt per Mail wieder hervorgeholt wird oder der Name kurz erfragt wird.
  • mehr fragen als reden.

Im nächsten Schritt geht es um die Klärung, was das Anliegen des Studierenden überhaupt ist. Manche sind dabei schon sehr klar und zielgerichtet, bei anderen ist es möglicherweise eine Art Problembeschreibung, die durch konkretisierendes Nachfragen zunächst auf den Punkt gebracht werden muss. Eine innere offene Haltung, offene Frage, genaues Zuhören und das Wiederholen des Anliegens der Studierenden in eigenen Worten sind hier hilfreiche Techniken.

Im Beratungsprozess helfen diese vier Fragen:

  1. Um was geht es? (Was beschreibt der/die Studierende?)
  2. Um was geht es eigentlich? (Was ist der springende Punkt, der sich vielleicht nur andeutet, der aber das eigentliche Anliegen ist?)
  3. Was braucht es? (Bin ich überhaupt der richtige Ansprechpartner? Geht es hier um Informieren, Anleiten, Beraten oder Delegieren (an andere Stellen verweisen)?
  4. Was kann und was will ich als Beratende_r hier? (Kann und will ich dies gerade leisten?)

„Lehrende fühlen sich […] manchmal überfahren, wenn Studierende bereits zu Beginn von Sprechstunden direkt „mit der Tür ins Haus fallen“ und ihre Anliegen bereits während des Eintretens formulieren, […] können sich Lehrende „überfahren“ fühlen… Eine solche Situationsorientierung wird Lehrenden vor allem dann erschwert, wenn Studierende ihre Anliegen soweit verkürzen, dass sie von den Lehrenden entweder als konfus oder als völlig unverständlich wahrgenommen werden…. Dennoch stellen solche knappen und teils unverständlichen Formulierungen typische Formen der Selbstzurücknahme von Studierenden dar. Indem sie sich bemühen, so wenig Platz und Zeit wie möglich zu beanspruchen, […] (und) die Dringlichkeit ihrer Absicht (selbst) untergraben.[…] Lehrende registrieren solche Formen der Selbstdarstellung (und Selbstzurücknahme) bei Studierenden häufig innerlich abwertend.“ (Meer 2003, S. 8)

„(Studierende) formulieren häufig ein so genanntes „legitimes“ Hauptanliegen, hinter dem sich ein weiteres „eher problematisches“ Anliegen verbirgt […] Typisch ist an dieser Strategie, dass das verdeckte Zweitanliegen nur angedeutet wird.[…] (Das) birgt jedoch die Gefahr, dass sein eigentliches Problem vom Lehrenden übersehen wird.“ (Meer 2003, S. 10)

Als Hauptanliegen könnte zum Bespiel formuliert worden sein „ich hab jetzt noch nicht so ne genaue Vorstellung, wie ich da vorgehen soll“ und im Laufe des Gesprächs taucht das eigentliche Anliegen auf: „Ich hab keine Idee, wie man in diesem Fach eine wissenschaftliche Arbeit macht.“

In Anlehnung an Meer (2003) empfiehlt für die Anliegensformulierung:

  • Ersteindrücke bewusst wahrzunehmen, aber die innere Haltung dem Studierenden gegenüber immer wieder zu überprüfen.
  • Wahrnehmung von Unsicherheit und Selbstabwertung bei Studierenden zu registrieren und sie nicht als Hinweis auf generelle Inkompetenz zu verbuchen.
  • eine studierendenorientierte Grundhaltung einzunehmen und sich klar zu machen, dass Studierende eben Lernende sind und sich in einem Entwicklungsprozess befinden.
  • beobachtbare Defizite nicht zu ignorieren, sondern anzusprechen und bei deren Behebung zu unterstützen.
  • mehr fragen als reden.

Und noch ein Hinweis:

Sprechstunden werden je nach Fakultät und Fachbereich von dessen Kultur, Lehr- und Kommunikationsstilen geprägt. In manchen Fächern gibt es weniger persönlichen Kontakt und man verbleibt bei der effektiven Bearbeitung der Fachfragen, in anderen Fakultäten, die vielleicht auch kleiner sind, herrscht manchmal eine nahe, fast schon familiäre Atmosphäre, gerade, wenn Studierende stark in Forschung und Projekte miteinbezogen werden. Diese kulturellen Unterschiede können mitentscheiden, welche fachlichen/persönlichen Anliegen Studierende einbringen und wie weit sie sich mit ihren persönlichen Problemen und ihrem Stress öffnen.

Wie weiter oben dargestellt wurde, findet die klassische Beratung hauptsächlich durch Fragen und die Unterstützung des Entwicklungsprozesses statt. In Sprechstunden muss hingegen aufgrund der unterschiedlichen Anliegen zwischen Informieren, Anleiten, Beraten, Delegieren usw. unterschieden werden.

Informieren = Studierenden Hinweise und Informationen geben

Anleiten = Studierende Schritt für Schritt bei der Bearbeitung einer Aufgabe anleiten und bei der Umsetzung Feedback geben

Beraten = Mit Studierenden im Gespräch gemeinsam eine Lösung für ein Anliegen durch einen Mix aus Fragen und Kommentaren finden

Delegieren = Studierende an andere Stellen verweisen oder auf Angebote hinweisen, damit Fragestellungen, die den Rahmen der Beratung sprengen, dort bearbeitet werden können

Lehrende bzw. Berater_innen nehmen also gerade hier verschiedene Rollen ein, die den Studierenden transparent gemacht werden sollten.

Gesprächsführungsstrategien aus Beratungs- und Coachingansätzen sind allerdings auch hier sinnvoll einzusetzen, um Studierende in ihren Erkenntnis- und Lernprozessen zu unterstützen.

In Anlehnung an Meer (2003) empfiehlt für die Anliegensformulierung und -bearbeitung:

  • Konsequentes Nachfragen: Selbst wenn das Anliegen klar scheint, kann es hilfreich sein, noch konkreter nachzufragen, was der Studierende in diesem Zusammenhang klären möchte.
  • Unklarheiten explizit machen, indem das Gesagte wiederholt wird und beispielsweise ergänzt wird durch die Frage: „Du hast mir beschrieben, dass … Wo genau siehst du das Problem? Wo genau benötigst du Unterstützung?“
  • Vermutungen über unausgesprochene inhaltliche Schwierigkeiten explizit machen, wie beispielsweise die Frage: „Ist es möglich, dass es ihnen eigentlich weniger um die Formalia der Hausarbeit geht als vielmehr um die Anforderungen und meine Erwartungen?“
  • Sicherstellen, dass die eigenen Ausführungen die Studierenden auch erreichen, z. B. indem man sie bittet zu formulieren, was sie aus der Beratung mitnehmen oder was ihre nächsten Schritte sein werden.
  • Für Studierende nachvollziehbare Formulierung von Feedback, die z. B. konkrete Verbesserungsvorschläge oder Entwicklungsrichtungen enthalten
  • Explizites Markieren von Erwartungen
  • Auch hier: Mehr fragen als reden

Beim Ausstieg ist es, wie etwa in Lehrveranstaltungen auch, wichtig, dass die Lehrenden überprüfen, was bei den Studierenden angekommen ist. Sogenannte Feedbackschleifen (die natürlich auch weiter oben im Beratungsprozess eingesetzt werden können), helfen zu erkennen, was Studierende verstanden haben und wie sie weiter vorgehen werden.

Es gilt hier eine Zusammenfassung des Gesprächs, die Ergebnisse und nächsten Schritte – am besten durch die Studierenden selbst – formulieren zu lassen. (Z. B. „Könnten Sie mir jetzt noch einmal zusammenfassen, was Sie aus unserem Gespräch mitnehmen?“) Gerade das Formulieren realistischer Ziele ist ein wesentlicher Punkt, weshalb es manchmal schwierig ist, die vielen Anregungen aus der Sprechstunde umzusetzen.

Zudem sollte sich der/die Lehrende die Frage stellen: Ist mein Feedback eine Anregung oder eine Anweisung? Dies gilt es transparent zu machen, damit Lehrende nicht frustriert sind, wenn das Besprochene nicht umgesetzt wurde. Auch hier wird also das Dilemma zwischen selbstverantwortlichem Lernen und „fachlicher Aufsicht“ deutlich. Wenn Lehrende feststellen, dass sie eine Anregung geben wollen, ist eine veränderungsneutrale Haltung nützlich, die davon ausgeht, dass es letztendlich in der Verantwortung der Studierenden liegt, ob sie Tipps umsetzen oder nicht.

Meer empfiehlt zur Beendigung des Sprechstundengesprächs:

  • Explizite Vollständigkeitsklärung
  • Arbeitsfähigkeit sicherstellen
  • Weitere Gesprächsangebote (bei Bedarf) machen
Neben den klassischen Sprechstunden, die organisiert sind und auf die sich Lehrende bis zu einem bestimmten Punkt einstellen können, kommt es immer wieder zu Gesprächen „zwischen Tür und Angel“. Diese Gespräche fangen oft mit dem Satz „Ich habe eine kurze Frage…“ an und können sich zu einem längeren Beratungsgespräch entwickeln. Lehrende müssen dabei in dieser ad-hoc-Situation im Blick behalten, was gerade möglich ist. Zumeist sind sie ja gerade auf dem Weg in eine Lehrveranstaltung oder zu einer anderen Verpflichtung. Thomann (2011) betont die Chance, die sich durch diese niedrigschwellige Beratungssituation ergeben: Studierende trauen sich so nämlich möglicherweise eher informell Kontakt aufzunehmen und manche Fragen lassen sich direkt „auf dem kleinen Dienstweg“ lösen.
Lehrende, deren Sprechstunden kaum frequentiert werden, stellen fest, dass das informelle Gespräch nach der Lehrveranstaltung sich oft zu einer Sprechstunde am Hörsaalpult entwickelt. Nicht selten hören sie dann tatsächlich 10 Minuten früher auf, um Studierenden für ihre Fragen zur Verfügung zu stehen.
Thomann (2011) unterscheidet 10 Phasen in der Beratung und schlägt auch für ad-hoc-Situation, also Gespräche zwischen Tür und Angel, folgendes Vorgehen vor, um daraus doch einen kurzen Beratungs- bzw. Klärungsprozess zu ermöglichen.
Beratungsphasen Mögliche Fragen in der Ad-hoc-Situation
Anlass/Kontakt Welches Anliegen haben Sie?
Indikationsklärung Bin ich die richtige Ansprechpartnerin?
Contracting Ist das ein Anliegen, welches in x Minuten bearbeitet werden kann? Braucht es eine Terminvereinbarung? Was erwarten Sie von mir?
Exposition Erzählen Sie doch kurz, worum es genau geht? Habe ich Sie richtig verstanden, dass …? Was haben Sie selbst schon unternommen?
Diagnose Was wäre hilfreich? Wo liegt die Schwierigkeit?
Suche nach Lösungsansätzen Wie sind Sie in ähnlichen Situationen vorgegangen? Kommilitonen von Ihnen haben x versucht. Was spricht für x, y und z uns was dagegen?
Einigung über das (weitere) Vorgehen Was machen Sie mit den Informationen? Was benötigen Sie noch von mir? Welches sind Ihre nächsten Schritte?
Vereinbarung von Zielen Welches Ziel nehmen Sie sich vor? Soll ich hier noch involviert sein? Falls ja, z. B.: Senden Sie mir mögliche vertiefende Fragestellungen zum Thema x bis zum TT.MM.JJ." Benötigen wir ein weiteres Gespräch?
Abschluss Ok, wir haben uns auf Folgendes geeinigt… Falls Sie noch Fragen haben, können Sie sich per E-Mail an mich wenden. Am TT.MM.JJ bekommen Sie von mir ein detailliertes Feedback zu ihrer Fragestellung zum Thema x.
Reflexion Kurze Notiz zum Gespräch: Wer, wann, was und Vereinbarung
Tabelle: Gestaltung der Beratungsphasen in einer Ad-hoc-Situation (Thomann/Pawelleck 2013, S. 53 – 54)
E-Mails machen inzwischen einen nicht unerheblichen Anteil der Kommunikation zwischen Studierenden und Lehrenden aus, wobei der Übergang zur E-Mailberatung manchmal fließend ist.

Beratung per E-Mail kann durch die Zeitverzögerung und Schriftlichkeit zur vertiefenden Reflexion führen und der Verlauf kann aufgrund der schriftlichen Dokumentation gut nachvollzogen werden. Gleichzeitig ist die textsprachliche Kommunikation aufgrund der fehlenden nonverbalen (Körpersprache) und paraverbalen (stimmlichen) Informationen anfällig für Missverständnisse und Eskalationen.

Hieraus kann dann eine Art Ping-Pong-Situation entstehen, in der einerseits konkretisierend nachgefragt und andererseits am springenden Punkt vorbei beraten wird. Deshalb empfiehlt es sich nicht selten, Studierende gerade bei schwierigen Anliegen in die Sprechstunde zu bitten, wo das Anliegen viel schneller geklärt werden kann.

Wie oben dargestellt, können E-Mails an Hochschulen gut bei fachlichen und organisatorischen Fragen und Anliegen zum Einsatz kommen, wenn es etwa um die Verbindung zu Lehrveranstaltungen oder die Betreuung von Abschlussarbeiten geht.

E-Mails werden dann vor- und nachbereitend in der Beratung genutzt, indem Studierende aufgefordert werden, ihr Anliegen per Mail vorab zu schicken. So machen sie sich schon vorab Gedanken über ihr Anliegen.

Sprechstunden per E-Mail vor- und nachbereiten lassen
Wenn Studierende aufgefordert werden Fragen vorab per Mail zu beantworten, kann die Sprechstunde zielorientierter durchgeführt werden.

  • Mit welchem Anliegen/Fragen kommen Sie in die Sprechstunde?
  • Was haben Sie schon unternommen, um diese Fragen zu klären?
Auch eine protokollierende E-Mail im Anschluss kann helfen die Ergebnisse, Vereinbarungen und Ziele für beide Seiten zu dokumentieren und als Einstieg für das nächste Gespräch dienen.

Lippmann und andere (2008) beschreiben die Vorteile und Möglichkeiten, die das E-Mail-Coaching für Menschen mit Problemen bietet, wenn sie sich niedrigschwellig, weil anonym, Hilfe holen können und alle Beteiligten zeitlich sowie räumlich flexibel sind. Dortier / Knatz (2003) haben ein 4-Folien-Modell entwickelt, um Antworten auf psychologische Beratungsanliegen per E-Mail zu formulieren. Sie können hier für die Beantwortung komplexerer Anliegen in der E-Mailberatung an Hochschulen als Orientierung dienen.
E-Mail ausdrucken, lesen und Fragen zu Folie 1 beantworten
Folie 1 Der eigene
Resonanzboden (Eindrücke / Impulse)
Was ist das erste Gefühl, das ich beim Lesen verspüre? Welche Bilder und Fantasien sind beim Lesen der E-Mail bei mir entstanden? Halte ich das Problem für lösbar, auch per E-Mail? Oder möchte ich lieber weiter verweisen?
E-Mail nochmal lesen und Fragen zu Folie 2 beantworten
Folie 2 Das Thema und der psychosoziale Hintergrund Was ist das Thema der / des Studierenden? Unterstreichen der Schlüsselwörter! Bekomme ich ein Bild von den Studierenden und ihrer Situation? Wo sehe ich Stärken und Schwächen?
Folie 3 Diagnose (Einschätzungen / Anliegen) Was sind die Fragen oder Wünsche an mich? Ist das Ziel, das Anliegen klar? Welche Fragen habe ich noch? Was würde ich spontan antworten wollen?
Folie 4 Intervention (Formulierung der Antwort im Sinne einer E-Mail-Beratung) Folie 2: Das Thema und der psychosoziale Hintergrund.

  1. Anrede
  2. Einleitung
  3. Auf generelle Fragen eingehen
  4. Positive Wertschätzung ausdrücken
  5. Feedback mitteilen, was ich sachlich und emotional verstanden habe
  6. Mitteilen, was ich nicht verstanden habe, Klären fehlender und unverstandener Dinge
  7. Hypothesen und Vermutungen in Fragen kleiden
  8. Problemlösungswege aufzeigen und begründen, Alternativen offen lassen
  9. Nachfragen, ob dieser vorgestellte Weg vorstellbar ist und als gehbar eingeschätzt wird
  10. Einen Wunsch für die/den Ratsuchende/n formulieren
  11. Angebot und Grenzen deutlich machen
  12. Abschluss
Mit freundlichen Grüßen/Bis dann

Tabelle: 4-Folien-Modell der E-Mailberatung in Anlehnung an Dortier/Knatz (2003)

Wenn Lehrende ihr eigenes Selbstverständnis und eine Beratungshaltung (weiter-)entwickeln möchten, können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Wann und wo biete ich Sprechstunden an?
  • Wie organisiere ich sie und in welchem räumlichen Setting finden sie statt?
  • Für welche Anliegen sehe ich mich zuständig, für welche nicht?
  • In welchen Rollen befinde ich mich? Welche Rollenkonflikte sollte ich zu Beginn thematisieren? (Bewerten, Feedback-Geben, Beraten…)
  • Was kann ich den Studierenden anbieten / was nicht?
  • Wie verstehe ich Beratung / Betreuung?
  • Welche Informationen kann ich bereits in der Lehrveranstaltung vermitteln und transparent machen?
  • Welche Informationen können Studierende im Netz vorfinden?
  • Wie gehe ich mit E-Mails um?
  • An welche weiteren Angebote der Universität kann ich delegieren? (Psychologische Beratungsstelle, ASTA, Tutorien, Schreibberatung, etc.)

Sprechstunden, Beratungen und Betreuungen können für Studierende und Lehrende eine große Herausforderung darstellen. Nicht umsonst haben hauptamtlich Beratende in ihrem Berufsfeld regelmäßig Supervision oder kollegiale Beratung, um Klärungshilfe und Reflexionsmöglichkeiten für herausfordernde Situationen und Fälle zu erhalten.

Schwieriges in der Beratung ist normal

Beratung an sich zeichnet sich ja gerade darin aus, dass Menschen Schwierigkeiten und Probleme haben und diese nicht alleine lösen können. Sie sind somit expliziter Teil des Beratungsprozesses und diese Unsicherheiten, Ängste oder Frustrationen können sich selbst im Beratungsprozess niederschlagen.

Wie Meer (2003) dargestellt hat, steigen manche Studierende vage und vorsichtig in die Sprechstunde ein, um sich nicht in den Vordergrund zu stellen, wobei dieses Verhalten bei Lehrenden Irritation und Ärger auslösen kann, was das weitere Gespräch wiederum prägen wird. Aber auch „auftretensstarkes“ und selbstbewusstes Verhalten, wenn es etwa um die Besprechung von Klausuren geht, kann zu einer Schieflage in der Kommunikation führen, wenn Studierende massiv verlangen besser bewertet zu werden.

Lehrende als Beratende brauchen dann genug innere Distanz und Reflexion, um nicht sofort in Abwehr zu gehen, sondern mit vier Leitfragen der Beratung auf das eigentliche Anliegen zu kommen und eine möglichst konstruktive Lösung für beide Seiten zu finden.

  1. Um was geht es?
  2. Um was geht es eigentlich?
  3. Was braucht es?
  4. Was kann und will ich?

Die ausführliche Version der Fragen finden Sie unter dem Punkt „Phase 2: Anliegensformulierung“ weiter oben.

Wiederkehrende Fragen: Jeder Studierende ist ein Individuum – auch in der Masse

Beratung bezieht sich auf das jeweilige Individuum und das kann an Hochschulen herausfordernd sein, wenn etwa wiederholt Erstsemester die vermeintlich immer gleichen Fragen in der Sprechstunde stellen. Hier gilt es dann einerseits zu überlegen, wo die Informationen in Lehrveranstaltungen und im Internet zur Verfügung gestellt werden können und zugleich „dem Fluch des Expertentums“ nicht zu erliegen. Vieles ist uns selbstverständlich, was für Studierende neu ist oder sie sind unsicher und suchen Orientierung und Bestätigung. Auch hier gilt es Meers (2003) Forschungsergebnisse zu berücksichtigen: Eine zunächst triviale Frage kann von Seiten der Studierenden der Versuch eines Gesprächsöffners für den einzigen individuellen Kontakte zu Lehrenden im Studium sein: der Sprechstunde.

Beratungssituationen und ihre Grenzen

Wenn in Beratungen Themen wie Prüfungsangst, persönliche Probleme oder andere Schwierigkeiten auftauchen, geht es häufig um die Frage, wer für diese Anliegen der richtige Ansprechpartner ist. Beratungen im Studium beziehen sich ja zumeist auf fachliche Fragen, wissenschaftliches Arbeiten und Fragen zum Studium. Gleichwohl gibt es viele Herausforderungen für Studierende das Studium und Leben zu meistern. Viele Hochschulen reagieren auf die Diversität der Studierenden mit verschiedenen Beratungs- und Unterstützungsangeboten.

Lehrende sollte die Beratungsangebote der Universität kennen und Studierende gegebenenfalls zum Beispiel zur Psychologischen Beratungsstelle zu verweisen.

In schwierigen Fällen ist es wichtig, zu wissen, an wen man sich als Lehrende_r wenden kann, um sich zunächst selbst über die Möglichkeiten und nächsten Schritte beraten zu lassen.

Weinen

Situationen und Probleme, die sehr belasten oder gar als existenzbedrohlich erlebt werden, können eine emotionale Betroffenheit mit sich bringen, die sich auch in Sprechstunden spontan zeigen können.

Wenn Studierende sehr unter Stress stehen oder sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben, kann es sein, dass sie beispielsweise nach einer Rückmeldung in Tränen ausbrechen. Dann gilt es Ruhe zu bewahren, vielleicht ein Taschentuch oder ein Glas Wasser anzubieten und vor allem aber zunächst abzuwarten, also nichts zu tun. Vielleicht ist es der Person, die in der Sprechstunde weint, selbst unangenehm. Vielleicht kennt sie das schon für sich und erlebt es als ein „kurzes Entladen“ und dann kann es weitergehen.

In der Beratung stellt sich die Frage: Wer hat das Problem? Ist es der_ dem Beratenden selbst unangenehm oder beiden?

Auch hier kann das aktive Zuhören helfen, indem die Situation vielleicht kurz thematisiert und mit einer Frage verbunden wird („Das hat sie jetzt ganz schön mitgenommen. Gibt es etwas, das Ihnen jetzt gerade helfen könnte?“). Die Person selbst weiß nämlich am besten, was sie braucht. Oft hilft eine Unterbrechung oder Verschiebung des Gesprächs, um nach einer kurzen Pause oder zu einem anderen Zeitpunkt das Gespräch wieder fortzuführen. Sowohl Lehrende als auch Studierende berichten häufig, wie gut es getan hat, wenn dieses Ereignis im Weiteren nicht mehr thematisiert wird.

Ende des Studiums

Eine besondere Situationen sind Gespräche, die das Ende des Studiums mit sich bringen, weil die Studienleistungen nicht ausgereicht haben. Diese gilt es fachlich und beraterisch gut vorzubereiten. Ist dem Studierenden bereits bekannt, welche Konsequenzen drohen? Wie wird er_sie reagieren? Welche Informationen braucht er_sie, um es zu begreifen? Braucht es eine zeitliche Unterbrechung, bevor über neue Ziele und Alternativen gesprochen wird? Manchmal finden solche Gespräche in Anwesenheit eines_r Kolleg_in aus dem Fachbereich statt, um das Gespräch zu dokumentieren.

Studierende reagieren in einer solchen Ausnahmesituation sehr unterschiedlich und es gilt immer wieder zu klären, in welcher situativen Haltung sie sich befinden und welche Ziele in einem solchen Gespräch zu erreichen sind. Wer unter Schock steht, weil das Studium beendet ist, kann unter Umständen in diesem Moment die Gründe nicht aufnehmen. Wer in einer inneren Klagehaltung ist, möchte vielleicht darum kämpfen, doch noch im Studium bleiben zu können. Wer schon informiert kommt (und den ersten Schock verarbeiten konnte), möchte vielleicht gerade die Gründe und Alternativen kennen. Vielleicht ist ein_e Student_in aber sogar froh, weil damit ein Studium, das gar nicht seins oder ihrs war, beendet werden kann.

Beratung hat immer die Aufgabe, Situationen und Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen und diese möglichst lösungsorientiert zu begleiten. Nicht umsonst gibt es derzeit viele Initiativen, die sich mit Studienberatung, Studienabbruch und –alternativen beschäftigen. Wenn Studierende in Grenzsituationen sind, kann es wichtig sein, zu prüfen, ob es eine Neuorientierung etwa in Richtung Studiengangwechsel oder sogar Ausbildung braucht.

Dies können sicherlich nicht einzelne Lehrende leisten. Besondere Beratungsanliegen brauchen spezielle Beratungsangebote.

Dodier, B. / Knatz, B. (2003): Hilfe aus dem Netz. Theorie und Praxis der Beratung per E-Mail. Stuttgart.

Lippmann, E. / Ulmann-Jungfer, G. (2008): E-Mail-Coaching und Präsenzcoaching – Überlegungen zu zwei Beratungsformen. In: Geißler, H. (Hrsg.): E-Coaching. Baltmannsweiler: Hohengehren.

Meer, D. (2003): „Wollen sie auch eine Bescheinigung?“ – Probleme und Verhaltensmöglichkeiten in hochschulischen Sprechstundengesprächen. In: Berendt, B./ Voss, H.-P. / Wildt, J. (Hrsg): Neues Handbuch Hochschullehre. Bonn, F2.3.

Piolot. P. (2014): Studienabbruch und Alternativen. Durchbeißen, Studienwechsel, Umstieg in den Beruf. Opladen: Farmington Hills

Radatz, S. (2010): Einführung in das systemische Coaching. Heidelberg.

Schumacher, E.-M. (2011): Schwierige Situationen in der Lehre. Opladen Farmington Hills.

Thomann, G., Honegger, M., Suter, P. (Hrsg.) (2011): Zwischen Beraten und Dozieren. Praxis, Reflexion und Anregungen für die Hochschullehre. Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung, Band 2. Bern: hep verlag.