Didaktische Möglichkeiten

Welche didaktischen Möglichkeiten gibt es beim Forschenden Lernen?

Forschendes Lernen („research-based“) im umfassenden Verständnis meint (nach Huber 2014), dass Studierende im Verlauf einer Lehrveranstaltung selbst forschen („inquiry“) und dabei den gesamten Forschungszyklus als Lernzyklus durchlaufen. Dabei eignen sie sich nicht nur Fachwissen an, sondern sie lernen auch das Forschen und erwerben damit ein umfangreiches Set an methodischen und sozialen Kompetenzen. Lesen Sie auch: Was lernen Studierende durch Forschendes Lernen?

Typischer Forschungszyklus (vgl. Wildt (2009, 5)

Forschendes Lernen lässt sich auch in kleinerem Rahmen umsetzen, bei dem Studierende als Forschende nicht den gesamten Forschungszyklus durchlaufen, sondern nur einzelne, also Teilschritte des Forschungsprozesses ausführen. Didaktische Möglichkeiten sind in u. g. Typologie ausgeführt. Dabei sollte beachtet werden, dass je nach Umfang der durchgeführten Schritte der Kompetenzerwerb bei Studierenden sich dann nur auf Teilkompetenzen bezieht.

Typologie von Forschendem Lernen (Huber et al. 2013: 26f):

  1. Recherche und Essay
  2. Erkundungen: explorative Beobachtungen, Fallstudien, Vor-Teil-Studien
  3. Komplexere Laboraufgaben mit Offenheit der Ergebnisse
  4. Erprobung von Forschungsmethoden im „Kleinen“ (z. B. Lehrforschung)
  5. Durchführung/Beteiligung von (Teil-)Experimenten
  6. Untersuchung einzelner konkreter Problemfälle
  7. Plan- und andere Simulationsspiele zu Forschungszwecken
  8. Verbindung von Forschungsfragestellungen mit Exkursionen und Praktika
  9. Projektstudien, inkl. künstlerische und Theaterprojekte

Bei einem vollumfänglichen Verständnis vom Forschenden Lernen durchlaufen die Studierenden einen kompletten Forschungszyklus. Daher ist eine Orientierung am Forschungszyklus bei der Planung einer Lehrveranstaltung ratsam. Lesen sie auch: Welche Beispiele gibt es in der Praxis an Hochschulen

Studienstufen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, übernommen aus Tremp & Hildbrand (2012, S. 110)

Zu beachten ist dabei, dass für einen kompletten Durchlauf des Forschungszyklus die Studierenden und die Lehrenden nicht überfordert werden! Denn für die Durchführung und die einzelnen Schritte eines auch noch so kleinen eigenen Forschungsprojekts („inquiry“) brauchen Forschungs-Anfänger_innen viel Zeit. Daher ist die Durchführung einer Lehrveranstaltung nach dem Konzept des Forschenden Lernens in einer zweisemestrigen Lehrveranstaltung für alle Teilnehmenden zu empfehlen, denn so bleibt mehr Zeit für die einzelnen Phasen. Lesen Sie auch: Tipps für die Praxis und Gelingensbedingungen bei der Durchführung des Forschenden Lernens an Hochschulen

Forschendes Lernen kann auch in einer „abgespeckten“ Variante als forschungsnahes Lehren und Lernen (Siehe auch: Die Klassifizierung nach Ruess) bezeichnet werden. Tremp & Hildbrand (2012) zeichnen in einem Framework die verschiedenen Möglichkeiten in den verschiedenen Lehrformaten und Studienstufen wie folgt auf.

Im Folgenden nun eine Auswahl an möglichen Lehr-Lern-Settings für das forschungsnahe Lehren und Lernen: Lehrende können im Rahmen ihrer Lehrveranstaltung – Vorlesung, Seminar, Labor, Übung, Exkursion, Praktikum, Tagung – einen Forschungsbezug dadurch herstellen, dass sie den Studierenden Aufgaben in Form von üblichen Forschungsprodukten stellen. Durch den Forschungsbezug werden die Studierenden motiviert; zugleich können z. B. folgende mögliche Leistungsnachweise erwartet werden:

  • Thesenpapier:
    Am Ende der Vorlesung Ausgabe von folgender Aufgabe: „Bitte entwickeln Sie (alleine, in Paararbeit oder in Kleingruppen-Arbeit) eine Fragestellung zum Thema der heutigen Lehrveranstaltung. Formulieren Sie eine konkrete und präzise Fragestellung; beachten Sie dabei die Operationalisierbarkeit der Fragestellung.“
  • Forschungsübersicht:
    „Bitte verfassen Sie eine Übersicht der Forschungslage zum Thema „XY“. Beenden Sie die Übersicht mit der Formulierung eines Forschungsdesiderates: Wo besteht bei diesem Thema eine Forschungslücke, wie genau kann die beschrieben werden und wie (d.h. mit welchen Forschungsmethoden oder –design) könnte diese Lücke geschlossen werden?“
  • Ergebnisbericht:
    „Bitte stellen Sie die zentralen Ergebnisse der dargestellten (oder vorliegenden) Forschung dar und bewerten Sie diese.“
  • Posterpräsentation:
    „Erstellen Sie (in Einzel-, Paar- oder Gruppenarbeit) ein Poster mit den zentralen Ergebnissen des Seminarthemas (oder einschränkend: des Teilthemas „XY“). Heben Sie dabei das Wichtigste hervor und gestalten Sie dafür ein einseitiges Poster.“
  • Nach dem Besuch einer Tagung:
    „Stellen Sie die zentrale Fragestellung der Tagung sowie die dazugehörigen Ergebnisse in Form eines Ergebnisberichts zusammen (max. xy Seiten). Ordnen Sie dabei die Ergebnisse in das Tagungsthema und –Fragestellung ein und bewerten Sie diese.“
  • Bei der Vermittlung von Forschungsmethoden:
    Prinzipiell gilt: Vermittlung immer nur mit konkretem Bezug, da ansonsten, d. h. bei der „trockenen“, reinen Vermittlung von Methoden die Motivation und Aktivität der Studierenden rasch sinkt.
    • Dies lässt sich z. B. so umsetzen, in dem Studierende am Ende der Lehrveranstaltung selbst Forschungsfragen entwickeln und sich überlegen, mit welcher Forschungsmethode sie dieser nachgehen würden.
    • Oder: Forschungsmethoden vermitteln und bei jeder Methode die Studierenden überlegen und diskutieren lassen: für welche(n) Forschungsfrage(n) eignet sich diese oder jene Methode (Arbeit in Arbeitsgruppen) und dies mit dem Hinweis auf ein bestimmtes Themengebiet erarbeiten lassen.
    • Oder: zu Beginn aktuelle Forschungsfragen zu einem bestimmten Thema (aus dem Studiengang) sammeln lassen und die Studierenden beauftragen, in der Mitte / am Ende der Veranstaltung kritisch und nachvollziehbar zu überlegen, für welche Forschungsfrage welche Methode/n geeignet wäre/n.

Huber, L. (2013): Die weitere Entwicklung des Forschenden Lernens. Interessante Versuche – dringliche Aufgabe, in: Huber, L., Kröger, M., Schelhowe, H. (Hrsg.): Forschendes Lernen als Profilmerkmal einer Universität. Beispiele aus der Universität Bremen. S. 26–28. Bielefeld: Universitätsverlag Webler.

Schneider, R., Wildt, J. (2009): Forschendes Lernen und Kompetenzentwicklung. In: Huber, L., Hellmer, J., Schneider, F. (Hrsg.): Forschendes Lernen im Studium. Aktuelle Konzepte und Erfahrungen, S. 53-68. Bielefeld: Universitätsverlag Webler.

Tremp, P., Hildbrand, T. (2012). Forschungsorientiertes Studium – universitäre Lehre: Das «Zürcher Framework» zur Verknüpfung von Lehre und Forschung. In Brinker, T., Tremp, P. (Hrsg.): Einführung in die Studiengangentwicklung. (= Blickpunkt Hochschuldidaktik 122). S. 101-116. Bielefeld: Bertelsmann.

Wildt, J. (2009): Forschendes Lernen im Format der Forschung. In: HDZ TU Dortmund (Hrsg.): journal hochschuldidaktik. Forschendes lernen: perspektiven eines konzepts, S. 4-7. Dortmund.